Ich bearbeite und formatiere den Lebenslauf meines Vaters. Seit nunmehr zwei Stunden verändere ich Tabellen, Spalten und Zeilen. Ändere Schrift- und Spaltenfarben, probiere es mit unterschiedlichen Stilen, Ordnungsprinzipien und -strukturen. Doch immer wieder, wenn ich am Anfang des Dokuments beginne, den Lebenslauf auf Stringenz und Kontinuität zu prüfen, bleibe ich an einer Zeile hängen:
Familienstand: verheiratet, 1 Kind
Ist dies meine Zukunft? verheiratet, 1 Kind. Vielleicht schafft es, die richtige Frau, in mir den Wunsch nach zweien oder noch mehr Kindern zu wecken. Vielleicht klappt das. verheiratet, 1 Kind. Vielleicht steht nach einem halben Jahrhundert in der Zusammenfassung meines Lebens in der Spalte “Persönliche Informationen” – gleich nach Geburtsdatum und -ort – auch Familienstand: verheiratet, 1 Kind.
Ich kann die Einwände förmlich hören: Einem Lebenslauf ist eine gewisse Vereinfachung eigen. Er ist quasi das technokratische Ortsschild einer Biographie mit den Überschriften als Landmarken. Mir geht es gar nicht so sehr ...
.

Vor kurzem war ich über einen Zeitraum von sechs Wochen in der alten Heimat gefangen. Die nordhessische Berglandschaft ist zur herbstlichen Zeit so was wie Klein-Neuengland. Nur ohne schöne feudale Häuser und ohne den Indian Summer. Ansonsten aber eine wunderschöne Gegend.
Dennoch vermisste ich die Stadt. Ich vermisste meinen Kiosk, der immer geöffnet ist. Ich vermisste die kleinen türkischen (und asiatischen) Einkaufsläden, die den Anschein erwecken, als wären grundsätzlich alle Preise Verhandlungssache. Sogar die heuchlerischen Pädagogenmenschen, die den Inhaber mit dahin gesäuseltem Wort Salam begrüßen. Naja.

~Von der Lust, im Zug Schlafenden (unverhohlen) Nüsse in den Mund zu werfen~Vor nahezu zwei Monaten entschloss ich mich, das Rauchen sein zu lassen. Heute. Jetzt. In diesem Augenblick erscheint dies, ein grässlicher Fehler gewesen zu sein. Bahnreise. Nürnberg - Köln. Großraumabteil. Neben mir sitzt ein hörgeschädigtes und sprachbehindertes Paar, das sich in seinem Kauderwelsch lautstark unterhält. Zu allem Überfluss hatten sich die beiden gepaart, vermehrt und eines ihrer beiden Kinder daddelt munter, von Raum und Zeit und sonstigen Umwelteinflüssen unbeeindruckt, auf seinem Gameboy in voller Lautstärke. Was aber in diesem Theater der akustischen Grausamkeiten am meisten schmerzt, ist die Gewissheit, dass die Batterien des kleinen The Legend of Zelda-Balges länger halten werden als der Akku meines iPods. Technology sucks. In solchen Momenten wünscht man sich zurück in eine simplere Zeit. Eine Zeit von Konfirmationslagerfeuerfahrten mit analogen Musikabspielgeräten und Schokoladenriegeln, die es geschafft hatten, trotz ihrer englischen Namensabstammung sehr deutsch zu klingen. Wenn ...

Wo sich normalerweise haufenweise Menschen tummeln, versuchen, jedermann den hart erkämpften Sitzplatz streitig zu machen, herrscht heute beängstigende Leere. Auf einer der weniger populären Bahnstrecken Deutschlands unterwegs, mit einem der weniger komfortablen Züge, stellt sich die Frage nach den Tarifsystem der Bundesbahn. An der generellen Fehlbarkeit des neuen Systems soll hier nicht gezweifelt werden, andererseits trete ich auch nicht gern in offene Wunden, obwohl der Sadist in mir es gerade zutiefst bedauert, niemals eine Fleischerlehre angefangen zu haben.
Wie dem auch sei, zum ersten Mal seitdem die Bahn mir zuverlässiger Beförderer ist, bin ich höchst erfreut, nicht über ein umlagefinanziertes Tarifsystem an den reellen Kosten beteiligt zu sein. Wenn man sich durch diese Milchmädchenrechnung bei einigen ICE-Fahrten wegen notorischer Überfüllung ein Plus ausrechnen vermag, teile ich diesen Zug mit allerhöchstens fünf weiteren Insassen, das Abteil verteidigt meine morgendlicher Übelgeruch –der auch durch intensive Dusch- und Pflegerituale nicht ausgemerzt werden konnte- unangefochten, ...

Niemand sollte beim Kacken ans Telephon gehen.
Das stelle ich erstmal einfach so in den Raum, bevor's gleich richtig losgeht.
Mein dritter Mitbewohner -das ist das moderne Äquivalent zur dritten Exfrau- verbot mir seinerzeit, Anrufe entgegenzunehmen auf dem Lokus. So sehr mir bisweilen die Vorstellung zuwider ist, mein Gesprächpartner beschäftigt sich mit Dingen, die besser privat bleiben. So klar kann ich jedoch die Ruhe, Gelassenheit, ja zeitweise Gleichgültigkeit, nachempfinden, welche diesem Orte anhängt. Wahrscheinlich ergäbe eine Suche nach Umgebungen und Situationen, in denen außergewöhnliche, lebensverändernde Entscheidungen mühe- und reuelos gefällt werden können, eine konkurrenzlos kurze Liste. Ad hoc fällt mir hierzu nur noch der Morgen nach einer drogenverseuchten Nacht ein, an dem man sich kurzweilig der Konfrontation stellt, um anschließend unvermittelt zurück ins Bett zu versinken.
Einen Ruhepol zu schaffen, der zwar von Gleichgültigkeit beherrscht wird, ohne allerdings in Antriebslosigkeit und Fatalismus abzudriften, stellt mich vor eine schwer lösbare Aufgabe. Augenblicklich sitze ich ...

Hat schon mal jemand versucht, den Alptraum meiner Generation zu benennen?
Zur Erklärung: Meine Generation wurde vor der in die Welt entlassen, für die das Mobiltelephon als Ausrede herhalten muss, weder Lesen noch Schreiben geschweige denn die Lokalzeitung eines mittelprächtig primitiven Einödkaffs begreifen zu können.
Ich bin einer der Wenigen meines Jahrgangs, der sich nur aus einem einzigen Grunde daran erinnert, warum die Rechtschreibreform ein Desaster war –nämlich, weil durch deren Einführung der Vorsprung der Leistungsträger im Deutsch-LK frappant geschmälert wurde. Zumindest wurde die Regellandschaft für die letzten Jahre Schulmarter zu unübersichtlich, so dass der geisteswissenschaftliche Lehrkörper kurzerhand beschloss, fortan keine Verstöße mehr zu ahnden.
Besonders stolz im Zusammenhang mit Generationsfragen bin ich jedoch auf meine Abneigung gegen das Wort 'Handy'. Von ganz Cleveren auch 'Händy', von noch Clevereren 'Handie' geschrieben (die Mischform verkneife ich mir besser). Wozu ein anglistisch anmutendes Unwort für eine Sache verwenden, die in ihren Ursprüngen überhaupt nicht 'handy' ...










Recent Comments