[the cobalt]
Einige Stationen zu spät ausgestiegen –vielleicht teilweise von der Hoffnung getragen, das Mädchen hätte denselben Stopp-, lief ich drei Blöcke zurück. Dummerweise hatte ich vergessen, an einem ATM-Terminal Geld abzuheben und in diese Gegend sah nicht gerade so, als stünden Terminals an jeder Straßenecke. Ich forderte mein Glück heraus und lief einfach solange geradeaus bis ich zur gewünschten Hausnummer gelangte; die Geldfrage ein wenig aufschiebend. Das Cobalt -Vancouvers Hardcore Bar in 917 Main Street-, in dem die Band ihren Auftritt haben sollte, erschloss sich meinem Auge erst auf den zweiten Blick. Der äußere Eindruck ließ eher auf ein Bordell als eine Bar schließen. Die Leuchtschrift „Girls, Girls, Girls“ hatte an Kraft verloren, war jedoch noch in Betrieb. Ich erfuhr vom Türsteher, dass noch vor fünf Jahren leicht bekleidete Mädels den zumeist männlichen Gästen optische Freuden bereiteten. Fünft Jahre zu spät in diesem Etablissement eingefunden, gab ich mich mit dem zufrieden, was geboten wurde. Und das war zum einen schon mal ein ATM, der zumindest einmal die finanzielle Seite des Abends absicherte.
Des Weiteren unterschieden sich vor allem die Alkoholpreise stark von denen in Downtown. Statt unverschämten 4 Dollar für ein Bier, gaben sich die Pächter hier mit dem Selbstkostenpreis für lokale Brauprodukte zufrieden. Ich werde niemals verstehen, wieso die besonders an der amerikanischen Westküste geschätzten Biere -so genannte Microbrews- durchweg als Premiumbiere bezeichnet wurden. Mir ist unbekannt, welche Abartigkeiten in den Brauprozess einfließen, aber vom Geschmack auf die Zusammensetzung geschlossen, ist Unwissenheit einmal mehr ein Segen. Was alle diese Microbrews gemein haben, ist ein bittersüßer Nachgeschmack, der es einem durstigen Menschen unmöglich macht, mehr als drei Flaschen zu trinken. Da ich diese Lektion bereits in einem früheren Schauspiel gelernt hatte, gab ich den lokalen Bieren eine Chance und wurde nicht enttäuscht. Meine Entscheidung wurde zusätzlich durch zwei Mädels erleichtert, die nach eigenen Angaben weniger wegen der Bands als eher wegen der günstigen Versorgung mit ‘booze’ den Laden frequentierten. Glücklich mit meinem Kauf, suchte ich mir einen der tausend freien Stühle, die vor der Bühne standen. Insgesamt saßen vielleicht vier Personen herum; unbeteiligt. Zwei Jungs, die entweder durch persönliche Kontakte oder mit falschen Personalausweisen Eintritt erhalten hatten. Vielleicht nahm man es hier nicht so genau.

Kurz nachdem sich Langeweile einstellte, vermisste ich meine Nikotinsucht. Was sonst längere Wartezeiten erträglich machte, hätte mich hier auf den Gehweg oder in den Hinterhof verbannt und ein Loch von Minuten gefüllt. Ich blickte noch ein wenig mäßig interessiert durch den Laden und erkannte zwei Bandmitglieder wieder. Eigentlich erkannte ich nur einen wieder, der andere winkte mir zu, vergewisserte sich ob der Korrektheit meines Namens. Dies konnte nur peinlich werden. Hätte ich die Band nicht im Zustand absoluter Benebeltheit kennen gelernt, wäre mir diese Person nicht so fremd vorgekommen. Ein gemeinsames Interesse für Musik und ein T-Shirt mit dem Logo der amerikanischen Alternativeband ‘a static lullaby’, das ich erst kürzlich in Seattle erstanden hatte, brach das Eis und brachte uns näher zusammen. Ich erfuhr, dass der Drummer Matthew dem Alkohol zugeneigt und der Rest der Band ’straight x’ war. Keine Drogen, kein Alkohol, keine Zigaretten: keine Freude. Die Band war recht frisch im Geschäft. Im Mai in der Nähe von Edmonton, Alberta, gegründet, tourten sie durch die Westküste Kanadas. Wie mir Andrew, der Leadsinger, erzählte, waren sie gerade zurück aus Kalifornien, wo sie ihr erstes Demotape aufgenommen hatten. Das war ihr erster Auftritt in Vancouver an diesem Abend im Cobalt. Ordentlich Merchandising eingepackt, wurde mir ein Ansteckpin vermacht. Calico Drive T-Shirts und ein Trucker Cap rundeten das Angebot ab. Die Vorgruppe sollte erst um elf Uhr anfangen, was uns gut zwei Stunden Zeit gab, Chips und Bier/Coke zu konsumieren. Zu uns gesellten sich schnell diverse, subversive Gestalten. Bernardo, ein Mexikaner, der seine Freundin zur Heirat überreden wollte, um nicht des Landes verwiesen zu werden. Dass dies niemals passieren würde, vertraute sie lieber mir als ihm an. Die beiden Biermädels waren auch mit dabei und ließen sich schon als die ersten Calico Drive Groupies feiern. Mit wem aus der Band sie schlafen wollten, sagten sie nicht, ihre BH’s ließen sie an. Das Cobalt hatte noch mehr auf Lager als erschwingliche Alkoholika, ehrliche Gitarrenmusik und interessante Menschen. Die Toiletten hätten sogar dem hygienischen Ambiente aus Fight Club alle Ehre gemacht. Die Spiegelfront war überzogen von einem Schleier aus Dreck und was wie der Illuminationsfilter eines Gothicfilms aussah. Die Pissoirs waren so konsequent wie abstoßend in einem altersbraun eingefärbt. Im ganzen Raum waren die Wände beklebt mit Stickern von Nachwuchsbands und wildplakatierten Slogans Systemkritischer Organisationen. Ein Sticker stieß dem Betrachter besonders ins Auge. Eine Lokalband –The Bolsheviks- warb für sich mit dem Bild eines hässlichen Kleinwüchsigen Mannes, der so unverschämt wie verplant dreinschauend den Charme seines T-Shirts untermauerte. Der Aufdruck las: ‘I fuck on the first date’. What a genius’ idea!

Nach langer Wartezeit, in der sich der Durst nach Wissen und Anderem löschen ließ, begann die Vorband mit ihrem Auftritt. Der Sänger wandelte optisch auf den Spuren Che Guevaras und schrie sich ordentlich die Seele aus dem Leib. Dennoch schien der ganze Auftritt reichlich inszeniert. Zusammen mit den Jungs von Calico Drive und den neu erworbenen Fans genoss ich die Show aus den ersten Reihen in sehr loungigen Stühlen. Der Frontmann der ‘Mongoose’ sprang von der Bühne, kniete vor den Zuschauern, ließ sich auf den Rücken fallen, rieb sich die juckenden Hautschichten vom Körper in guter alter Punkmanier und fand den Weg zurück auf die Bühne, um dort dieses Spiel von Neuem zu beginnen. Der Mann musste einen kräftigen Verschleiß an Jacken haben; vielleicht aber hatte ihm Mama ein schonendes Polster in Jacke eingenäht. Man weiß es nicht. Wir waren zufrieden mit dem Wissen, wegen der Hauptband gekommen zu sein und dass der Biernachschub eingetroffen war.

Calico Drive räumte die Bühne nach ihren Bedürfnissen um, und die Show konnte endlich beginnen. Ein Freund der Band filmte den Auftritt mit, ich ließ ein paar mal meine Einwegkamera blitzen und sondierte die übrigen Zuschauer. Mittlerweile hatten sich mehr und mehr Freunde harter Musik eingefunden.
Ich erblickte im Dunstkreis des Cobalt ein Geschöpf, das dort nicht so recht reinzupassen schien. Apart vom Musikgeschmack waren die übrigen weiblichen Gäste für einen auf Ästhetik erpichten Betrachter keine Augenweide, aber SIE war anders. SIE war nicht das, was im allgemein als ‘obvious beauty’ bezeichnet wird. IHR Gesicht wird niemals einen drittklassigen Dessouskatalog schmücken, eher könnte man von IHR in einem Trendmagazin auf einem Musiksender über Stilfragen der jungen Generation aufgeklärt werden. Kurz unter dem Knie abgeschnittene Jeans, Converse und ein T-Shirt, das einerseits ‘ist doch egal, was Du trägst’ sagt und andererseits nicht unbetont lässt, was drunter verborgen ist. Sie fühlte sich unbeobachtet im Pulk von Zuschauern, genoss die Musik und klatschte an passender Stelle energisch mit. Ich konnte nicht widerstehen, Ihr zuzusehen. Die Show wurde zweitrangig. Wahrscheinlich bemerkte niemand mein Interesse. Es war dunkel im Cobalt. Hin und wieder blitzte die Lichtanlage auf und gab das Blickfeld auf das Opfer meines kleinen persönlichen Voyeurismus frei.

Die Show war zu Ende. Calico Drive begannen recht schnell mit dem Abbau der Instrumente. Ich gratulierte Ihnen zu Ihren gelungenen Auftritt und half, den ganzen Krempel in Ihren Van zu laden. Dann bemerkte ich, dass SIE das Cobalt verlassen wollte. Unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen und nicht wirklich sicher, was ich da tat und vor allem warum, lief ich IHR hinterher. Auf der Straße holte ich SIE ein, als ich mir klar wurde, dass ich keine Ahnung hatte, was ich tun oder sagen sollte. Was wollte ich eigentlich von IHR? In zwei Tagen würde mein Flieger gehen. Sie hatte mich umgehauen ohne nur ein Wort gesagt zu haben. Wenn SIE jetzt irgendwas Dummes sagte, bräche meine Welt zusammen. Und was wäre, wenn ich mich unsterblich in sie verliebte? Vancouver – Köln? Keine Erfolg versprechende Achse.

Excuse me! [pause] Can I get your name?’
‘Sarah!’
‘OK. Thanks.’
‘That’s it?! OK. There you go!’
Die Frau war der Hammer. Schon wieder fast nichts gesagt.
You rock my world!

Eine wichtige Erkenntnis hatte ich aus diesem eher peinlichen Zwischenfall gewonnen. Das Leben macht Sinn. Nach allen Enttäuschungen der letzten Monate besteht immer noch Hoffnung. Und Sarah wurde zu ihrem Sinnbild. Danke, Sarah.

Calico Drive hatte mittlerweile den Van beladen und machte sich aufbruchsbereit. Ich wurde zwischen zwei Bandmitgliedern auf die Rückbank gepackt. Die Band wohnte bei ihrem Kumpel in Vancouver und hatte ungefähr denselben Heimweg. Ich bezweifelte ohnehin, dass ich um diese Uhrzeit einen Bus aus dieser Gegend zum Hostel gefunden hätte und war dankbar, mitgenommen zu werden. In einer Querstraße zu meiner Unterkunft wurde ich in die schwankende Freiheit entlassen. Man verabschiedete sich, bedankte sich für alles, versprach sich, per Email Kontakt zu halten und sich bei Gelegenheit gegenseitig zu besuchen. Wie sich später herausstellen sollte, würde es zu keinen Besuchen oder Email Dialogen kommen. Allerdings würden meine Bandfotos die Calico Drive-Internetseite schmücken und das ist doch auch etwas.

Nach zwei Blocks entdeckte ich nicht nur die Straße, die mein Schlafgemach beherbergte, sondern einen Club, der mir seit meiner Ankunft aufgefallen war. Betrunken genug, um mehr zu trinken und um genug Desinteresse für die Musik aufzubringen, war ich mittlerweile. Also wurde mein nächstes anvisiertes Ziel ‘The Temple’.

Nach der Cobalt-Erfahrung war der Temple ein Schock. Einer dieser typischer Kommerzclubs; aber nicht auf unangenehme Weise. Die Türpolitik wurde mir ein paar Tage zuvor als recht rigoros beschrieben, wovon ich jetzt nichts mehr merkte. Anscheinend konnten sich die Betreiber einen rockigen Menschen durchaus in ihren Hallen vorstellen. Die Musik entsprach dem Habitus der Besucher und dem Erscheinungsbild des Clubs. Die Eingangstür befand sich hinter robusten Metallgittern und etwas, das an Installationen eines Objektkünstlers erinnerte. Die Einrichtung kühl, aber nicht ausladend. Sowohl die Barkeeper als auch das Partyvolk durch und durch freundlich. Nachdem ich mir einen Drink an der Bar organisiert hatte, musste ich leider feststellen, dass ich nicht tanzen konnte. Das lag nicht wie üblich daran, dass mir der Rhythmus der Musik nicht zusagte, sondern daran, dass ich nicht betrunken genug war, um nicht mehr zu merken, dass in mir ein motorischer Spastiker wohnt. Ich gab nach, suchte nach einem möglichst dunklen Platz und döste vor mich hin. Ein junges Ding weckte mich dann sehr unsanft. Menschen schlafen an allerlei Orten. U-Bahnen, selbst in den Bahnhöfen, in Bibliotheken, in Verwaltungen, an Stränden. Warum darf man in Diskotheken nicht schlafen? Nicht sonderlich angetan von meinem neuerlichen Wachzustand fragte ich sie, was der Scheiß solle. Schlafen sei kein Zustand dort, wo ich gerade war und allgemein sei es doch besser zu quatschen. Wie bei vielen Menschen verschwimmt auch bei mir die Grenze zwischen Wachen und Schlafen, wenn ich gerade geweckt wurde. Ich denke, ich bot dem jungen Ding an, ihr einen Drink zu kaufen. Und ich nehme an, dass sie mein Angebot ablehnte. Genau lässt sich das vielleicht an dem Auszug meiner VISA Rechnung nachvollziehen, die einen Betrag von ungefähr vierzehn Dollar für den Temple ausweist. Das ist nicht besonders viel und ich hätte das auch leicht allein konsumieren können. Da solche Themen aber nicht mal zu einem Artikel in einer mittelmäßigen Frauenzeitschrift taugen -auch nicht, wenn sie mit mittelmäßigem Sex angereichert werden-, versucht in meiner Geschichte, das junge Ding mir ein mittelmäßiges Gespräch an die Backe zu labern, was ungefähr eine viertel Stunde hielt. So lange dauerte es nämlich ungefähr, bis der Temple geschlossen und wir vor die Tür gesetzt wurden. Dort trafen wir mit ihren Freunden zusammen. Der Morgen graute bereits und für mich fand sich ein spannenderer Gesprächspartner. Wie sich herausstellte, verband mich mit dem asiatischen Freund meines süßen Anhangs ein ähnliches Filminteresse, was gleichzeitig ihr Todesurteil bedeutete. Wir stritten und argumentierten noch geschlagene vierzig Minuten bis die Umstehenden auf Beendigung drängten und uns auseinander rissen.
[the end]
Mir blieben noch zwei Tage in Vancouver.
Normalerweise müsste ich jetzt schreiben: Was für eine aufregende Stadt.
Und: Von den kulturellen Besonderheiten wurde von Anfang an eine gefühlsschwangere Stimmung untergeschoben. Aber ich bezweifle, dass jemals Lehrer oder Sozialpädagogen meine Texte auf ihre stilistische Konvergenz mit zweitklassigen Reiseberichten vergleichen werden.
Deshalb sage ich ohne weitere Umschweife das Folgende: Ich war gelangweilt!
Seit meiner Ankunft wurde ich mit Reizen überflutet. Und damit ist nicht eine einzige Sehenswürdigkeit gemeint. Ich beschloss daher, gar nichts zu tun. Nicht weit von meiner Unterkunft suchte ich mir ein Restaurant mit Ausblick auf vorbeigehende Passanten und einem nettem Ambiente. Amerikanischer Sport wurde auf die Fernseher übertragen. Ich war rundum zufrieden, aß meinen Gorgonzola-Walnuss-Spinat-Salat und trank mein Bier. Nebenbei brachte ich weitere Seiten meines Reiseberichts zu Papier und ab und zu blätterte ich unmotiviert in einer Zeitung. Und ganz nebenbei brachte mir das Nichtstun fast ein Date mit der mehr als passablen Kellnerin ein. Sie schrieb mir eine kleine Botschaft auf die Rechnung und bedauerte, dass sie am Abend keine Zeit habe, mir die Stadt zu zeigen. Eigentlich wurde mir schon intensiv genug die Stadt gezeigt, aber von ihr erwartete ich keine allzu aufdrängende Behandlung. Da es ohnehin weder zu Intimitäten noch zu einem Treffen kam, genoss ich den Rest des Abends und legte mich früh schlafen.
Am folgenden Tag stand die Abreise an. Mit zwei Sixpacks gerüstet nahm ich den letzten Nachtbus zum Flughafen. Obwohl mein Flieger erst um halb sieben am Morgen ging, wollte ich kein Risiko eingehen und bettete meinen geschundenen Körper auf einer Bank vor einem CNN Bildschirm. Eine letzte Erkenntnis gelangte jedoch noch in mein Bewusstsein: An Flughäfen schläft es sich gar nicht gut. Und deshalb ist es immer besser, das eine oder andere Bier dabei zu haben. So bereitete ich dem ersten Sixpack einen Abgang und schlummerte mit einigen Unterbrechungen, bis ich durch einen Reinigungswagen geweckt wurde und feststellte, dass das erste Starbucks gerade öffnete.

Thank you, Vancouver. It has been a delightful stay.

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1 Response to “A Guideless Vancouver Trip”


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  2. Joelle Sullivan  on Nov 13th, 2008 at 1:01 am

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