[sept. 03]
Der Morgen. Danach. Früh. Zu früh. Ich fand mich in einem Starbucks wieder, quälte mich durch ein trockenes Hühnchenciabatta und wartete auf meinen Sojacappucino, damit er Trinktemperatur erreichte. Aus den Boxen dudelte Musik, die stark an ‘Mars Attacks’ erinnerte. Wenn mein Gehirn nicht von selbst explodieren würde, erwog ich ernsthaft Suizid. So stellt man sich einen verkaterten Morgen in einer fremden Stadt vor.
Da sich körperliche Betätigung und frische Luft als wenig bekömmlich für meinen geschundenen und nun sensiblen Körper erwiesen hatte, stand mir noch der Rückweg von irgendwo in Gastown zum ‘HI Vancouver Central – Member of the International Hostelling Association’ bevor. Nach unzähligen Straßenzügen, die ich abschritt, durfte ich mal wieder erstaunt feststellen, dass verschwitzte Hemden im Halbschatten bei leichter Brise eine wundervoll kühlende Wirkung entfalten. Ich verkroch mich wieder in meinem 4er Dorm und hoffte weiterhin – bei Dauerbetrieb der Klimaanlage –, dass niemand hier einziehen und mich in meinem Elend stören würde. Was die ersten zwei Nächte gut ging, fand jedoch ein jähes Ende. Ich fragte mich weiter, ob die Formulierung ‘coed’ nur in einschlägigen Bereichen der Erwachsenenunterhaltung des Internet sich zur vollen Blüte entfalten könnte oder ich zumindest meiner Fantasie freien Lauf lassen und mir mehr weibliche Bettnachbarinnen wünschen dürfte. Dieses Exemplar stammte aus deutscher Spitzenzucht. Und es sollte nicht der letzte Eindringling sein.
Wie geplant machte ich mich gegen Abend auf die Suche nach viel zu lauter Musik fernab von Unterhaltungs- und Konsumindustrie. Das Auffinden der richtigen Busverbindung allein stellte sich schon als Abenteuer heraus. Nachdem ich an der ersten Haltestelle fast vierzig Minuten ergebnislos gewartet hatte und daraufhin von drei verschiedenen Busfahrern an immer neue Ecken delegiert wurde, sah ich mich auf einmal in Kafkas ‘Das Schloss’ versetzt. Und urplötzlich wurde mir alles klar. Es gab keine Linie 3 nach Main Street. Vielmehr gab es sie durchaus, war sie jedoch nur Eingeweihten zugänglich und je angestrengter ich danach suchen würde, desto verzweifelter würde ich. Mein Leben verlöre jede Bedeutung und Richtung; mit Ausnahme der Suche nach ‘3 Main’. Das konnte unmöglich mein Schicksal sein. Mir war ein junges Mädchen aufgefallen, das mir offenbar in allen meinen Irrwegen stets gefolgt war. Sie schien auf denselben Bus zu warten. Ich war nun nicht mehr allein in meiner Hoffnungslosigkeit. Schließlich gab mir ein Obdachloser die gewünschte Information und zehn Minuten später war ich auf dem Weg in weniger sehenswerte Teile der Stadt, die aber erstaunlicherweise von weniger penetranten Bettlern umlagert waren.

























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