[sept. 02]
Man sollte eine Stadt nicht anhand ihrer offensichtlichen Schönheit beurteilen. Vancouver präsentierte sich mir bei Tag in voller Blüte. Strahlender Sonnenschein, endlos lange Straßenzüge, die in bester Touristenmanier zu Fuß und nur zu Fuß bewältigt werden wollten. Nach dreißig oder mehr ‘blocks’ wusste ich nicht mehr, ob ich mich für die schweißgebadete Widerwärtigkeit meiner Erscheinung schämen oder besser mein Antlitz für einen Moment vergessen sollte, um den richtigen Weg hinaus aus Chinatown in Richtung Downtown zu finden.
Nachdem das Eintrittsgeld in den berühmten chinesischen Garten mit neun Dollar für einen Erwachsenen etwas zu hoch bemessen schien, beschloss ich, dass Sightseeing für Touristen sei und ich mich hiermit offiziell von dieser seltsamen Gattung langsam schreitender, abrupt stoppender Verkehrhindernisse distanzieren musste. Die intensivste Art eine Stadt zu erleben, war immer noch der direkte, unverfälschte Kontakt zu ihren Einwohnern. Auf Empfehlung der frisch angetrauten Frau meines Freundes, suchte ich das nächste Café in der näheren Umgebung meiner Unterkunft auf, um wenigstens die Option auf schnelle Flucht offen zu halten, falls der Plan, interessante Gespräche aufzufangen oder vielleicht selbst darin verwickelt zu werden, scheitern sollte. BENZ Coffee – die lokale Antwort auf Starbucks® - klang viel versprechend und schon nach kurzer Zeit eine erste Gesprächsanbahnung. Wofür Bettler nicht alles gut sein können. Dieses Exemplar wollte mir eine Zigarette für einen Quarter verkaufen, den er dringend für ein Telefonat benötigte. Zwar bezweifelte ich, dass sein Kollege mit Schirmherrschaft über die Telefonzellen an Main und Pender gerade Sprechzeit hatte, ließ mich jedoch vom Wahrheitsgehalt seines Vordringens überzeugen und bereinigte mein Gewissen durch eine gute Tat. Die Kippe durfte der soeben Beschenkte wegen seiner Aufrichtigkeit sogar behalten. Das Rauchen hatte ich vor genau einer Woche in der ‘Smoking Lounge’ des Denver Airports aufgegeben und war seitdem nicht einmal rückfällig geworden. Und das, obwohl auf der amerikanischen Hochzeit meines Freundes haufenweise kubanische Zigarren herumgereicht wurden und zweifelsohne eine wunderbare Einheit mit dem rauchigen Single Malt eingegangen wären.
Wie sich nach einem kurzen Smalltalk über die Bestrebungen der kanadischen Gesundheitsbehörden, Raucher durch Furcht einflößende Warnmitteilungen auf den Packungen, die neben Bildern von tormentierten Organen auch Impotenz und andere störende Nebenwirkungen verhießen, bis aufs Mark zu erschüttern, herausstellte, existiert ein globales Übereinkommen in hoch entwickelten Kulturen, bedeutungslose Jobs durch nichts sagende Berufsbezeichnungen in ihrem Klang zu steigern. Die genaue Bezeichnung meiner neuen Gesprächspartner hielt sich nicht lange in meinem Gedächtnis, wir einigten uns dann aber auf ‘kinda somethin’ in marketing’, was völlig ausreichend war. Nach kurzem Drängen meinerseits auf eine Tätigkeitsbeschreibung, war klar, dass der männliche Teil der auf zwei Personen geschrumpften Dreiergruppe sich in der angenehmen Position befand, attraktive junge Frauen zu casten und mit Sales-Gewäsch geimpft auf die Öffentlichkeit loszulassen, um kostenlose Probetrainings in überteuerten Fitnessstudios oder Testmassagen im Spa des Vertrauens an den Mann zu bringen. Mal abgesehen von der Tatsache, dass ich nicht der avisierten Zielgruppe und mir somit Phrasenüberschüttung erspart blieb –oder sie einfach gut zwischen Beruf und Freizeit trennen konnten-, waren beide sehr nett und selbst die beiderseitigen Versuche, die hin und wieder aufkeimende beklemmende Stille zu überwinden, hatten einen gewissen Spaßfaktor.
Wie sich nach kurzer Zeit heraus stelle, war B. ein Spieler, der sich seine Trinkgelage im College mit Billard und Dart um Geld finanzierte. Er lud uns prompt zu einem Spielchen in einer Kneipe in seiner Gegend ein. Nicht zuletzt, um von der Mobilität seiner Kollegin zu profitieren. Die Nachbarschaft der Billardbar beschrieb er als Künstler- und Intellektuellenviertel, gemischt, mit gehobenem Preisen und einem hohen Entertainmentwert. Was man in Deutschland wohl mit Linke, Lehrer und Süddeutsche-Abonnenten umschreiben würde.
Die ersten Spiele am Kindertisch konnten nicht einmal mit Augenzwinkern als Aufwärmphase bezeichnet werden. Glücklicherweise wechselten wir schnell an einen Tisch normaler Größe, wo die Entfernung der Kanten zu unser aller Nachteil wirkte. Um dies aufzulockern und ausgeglichener zu gestalten, stellte er ein neues Spiel vor, welches selbst den ausgefuchstesten Pro zur Verzweiflung bringen sollte. Das Ziel war es, die Gegner durch konsequentes Ausblocken und Attackieren daran zu hindern zu punkten.
Interessanterweise schien das Hauptinteresse seiner fernab des Spielgeschehens zu liegen. Nicht nur stieg ihr Negativpunktekonto ins Unermessliche, zur selben Zeit reduzierte sich der Luftwiderstand, der bisher ihre Hüfte daran gehindert hatte, sich an meinen Genitalien zu wärmen, auf null; 96°F und die Luftfeuchtigkeit von annähernd 100%. Ich konnte es ihr nicht in diesem Augenblick nicht verdenken. Gerade zuvor hatte ich meine Einkaufsleidenschaft voll ausgelebt und meiner Reisekasse einen schweren Tritt in den Unterleib versetzt. Meine neueste Errungenschaft – ein aufwendig gearbeitetes french connction Hemd in creme und beige – musste am Tatobjekt getestet werden. Niemals zuvor waren 48 Dollar klüger investiert und haben sich schneller amortisiert. Mit der Einfühlsamkeit und Offenheit eines Schriftstellers ausgestattet, bemerkte ich meine Chancen lange bevor B. es tat. Es besaß jedoch dann den Anstand, nach jedem dritten Spiel eine längere Zigarettenpause vor der Lokalität zu genießen, um mir ein freies Feld zu überlassen. Vielleicht hatte er bereits Erfahrungen mit ihr gesammelt und war der Meinung, andere auch zu diesem Genuss verhelfen zu müssen. Sein Plan funktionierte hervorragend. Wie so oft im direkten Vergleich bietet die englische Sprache die perfekte Beschreibung für diese Situation: ‘She was throwing herself at you’. Niemand sonst hätte sie jemals so hart werfen können, wie sie an mir klebte. Die Haftwirkung der french connection war einfach unglaublich.
Die Sache hatte nur einen Haken. Sie war überhaupt nicht mein Typ. Groß, gut gebaut, ein klasse Hintern, eine angenehme Oberweite. Dennoch können all diese Vorzüge nicht darüber hinwegtäuschen, dass eine mittelmäßig starke Körperbehaarung und ungepflegtes Gebiss den größten Tiefschlag auf meine Standfestigkeit bedeuten. In manchen Dingen befindet man sich trotz Industrieller Revolution, der Gebrüder Dwight und den technischen Errungenschaften des 21. Jahrhundertes immer noch auf einem mittelalterlichen Pferdemarkt, wo der Preis durch die Qualität des Angebotes in Abhängigkeit von ausreichenden Quantitäten bestimmt wird.
Die israelische Schönheit verließ kurz darauf den Ort ihrer Niederlage und kehrte Billard wahrscheinlich für immer den mit einem leichten Flaum bedeckten Rücken zu. Alles in allem kann ich es ihr nicht verdenken. Hoffentlich hatte sie wenigstens die Genugtuung, mein Verhalten als eindeutig homosexuell abtun zu können. Die Wahrscheinlichkeit der Richtigkeit sprach für sie. Von weiblicher Anbiederung unbeeinflusste Neutralität lässt offensichtlich nur den Schluss zu, seine Zeit an einen Schwulen vergeudet zu haben. Das erklärte immerhin, warum am Ende des Abends die einzigen Kosten, die auf mich zukamen, die selbst eingeforderte Hälfte der Tischrechnung, waren. Alle Getränke wurden von meinem verbleibenden männlichen Begleiter mit der Begründung ‘you’re visiting’ beglichen. Ehrlich gesagt, hatte ich mich ein wenig darauf einstellen können. Nach dem Rückzug der billigsten Nummer meines noch jungen Lebens, brachte B. mehr als freiwillig Biernachschub für meinen deutschen Durst, obwohl ich mein Glas nicht einmal zur Hälfte geleert hatte. Der hilfreiche Kommentar, ich solle doch einfach schneller trinken, wurde durch ein süffisantes Grinsen und ‘I’m just having fun’ flankiert.
Ich beschloss, der einfachste Weg aus dieser homosexuellen Sackgasse würde sein, die stoische Ruhe und ungetrübte Coolness weiter zu verfolgen und vielleicht zur asexuellen Tugend zu machen. Bei einem taktisch geschickten Stopp im 24 hour Safeway, um sich mit Zigaretten zu bestücken, bohrte er nach, ob ich nicht bemerkt hatte, was da mit ihr abging. Wahrscheinlich weniger an der Antwort als solcher interessiert, als mehr an der Bestätigung meiner vermeintlichen Neigung, bot sich hier die Gelegenheit, ihm den Wind aus den Segeln zu nehmen. ‘Did she think I was gay or what?’
Mit seiner Emailadresse und Mobiltelefonnummer bestückt, trat ich meinen Heimweg an. Selten fühlte sich Selbstbeherrschung und Kontrolle so gut an.
[the Heinecken experience]
Der Abend war noch immer verhältnismäßig jung. Bisher hatte ich meinen Geldbeutel nicht mit Alkoholausgaben belastet; ganz im Gegenteil zu Leber und Nieren. Das zum Hostel gehörende ‘the royal’ bewarb auf allen Waschräumen den legendären Heinecken Tuesday in ‘Vancouvers best party venue’. Die dreißig Dollar in bar, die durch die Großzügigkeit meines Verehrers verschont geblieben waren, standen noch zur Verfügung. Das stimmte nun auch nicht, denn eigentlich hatten sie schon ihre Zweckbestimmung gefunden. Sieht man die Preise einer Schachtel Zigaretten im internationalen Vergleich, schneidet Kanada hinter England nur sehr bescheiden ab. Zwar ist ein Entsetzen in Deutschland über 3 Euro pro Packung, die im alkoholischen Nebel des Abends verrauchen, nun nicht mehr nachzuvollziehen, die Tendenz aber beängstigend, irgendwann im heimischen Sündenparadies sechs bis sieben Euro als feste Größe in die Planung einbeziehen zu müssen. London liegt mit £4,50 ungeschlagen an der Spitze, aber es fehlen solch unterhaltsame wie unrichtige Hinweise, Rauchen mache impotent und lösche ganze Kleinstädte aus. In einigen Fällen wirkt sich die Kombination von Alkohol und Nikotin sogar sehr fruchtbar aus, sodass selbst nach Wochen –wenn die Schwangerschaft diagnostiziert wird- die verzweifelte Suche nach der Person, mit kopuliert wurde, ergebnislos bleibt. Alles in allem verdienen die Kanadier schon für den Beweis ihres humoristischen Sachverstandes und den eindrucksvollen wie realistischen Darstellungen von blutenden Gehirnen und anderen Organen eindeutige Pluspunkte.
Mich musste all dies jedoch nicht interessieren, da ich mich schon von diesem Laster distanziert hatte und selbst im Zustand erhöhter Trunkenheit absehbar nicht rückfällig werden würde. Nach erheblichem Konsum dieser handlichen, kleinen grünen Holländerflaschen hatte ich mir die Bekanntschaft eines Mexikaners, eines Kanadiers aus Quebec, der erstaunlich schlecht englisch sprach und eine erstaunliche Trinkfestigkeit bewies für seine 20 jungen Jahre, und einer Punkband von der Westküste eingefangen und schon die Aktivitäten des nächsten Abends geplant.

























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