[sept. 01]
Bei strahlendem Sonnenschein bricht nicht nur eine neue Periode an, ich treibe auch auf die Schönheit der Unsicherheit zu.
Nach den Erlebnissen der vergangenen Tage bekommt die Welt einmal wieder neue Facetten und Falten in die gegerbte Vielfalt ihrer Haut gemeißelt.
Nachdem die Ankunft bei wunderbar milden 26°C nur Gutes vermuten ließ, kühlte jedoch die Air Condition auf eine eisige Realität herab. Unmittelbar zum Eintritt des Sonnenuntergangs machte sich neben mir eine heimelige Wärme breit, die auf den gelockerten Gemütszustand meiner Sitznachbarin schließen ließ. Die Flasche fuseliger Wein tat ihr Bestes, um dem Vorschub zu verleiten. Kurz vor geschätzter Ankunft in ‘Downtown Vancouver’ und geschwächt von der langen Fahrt, der Nacht zuvor und der mangelnden Ortskenntnis, beging ich den Fehler, der alkoholischen Reminiszenz aller Charles Bukowski Bücher die folgende Frage zu stellen: “Is the next stop close to Granville, or Robson?”
Die Freude der Beachtung, die ich der Dame zuteil werde ließ, brachte mir sicherlich zwei Karma-Punkte für das nächste Leben, aber panische Angst ein, als sie mir anbot mich bis Granville zu begleiten. Das konnte mich schneller in die nächste Existenzebene bringen, als mir lieb war.
Außerdem würde ich nun auch nie wieder die Frage nach meiner Herkunft aufrichtig beantworten können. In diesem Fall brockte mir meine Ehrlichkeit einen ausführlichen Erfahrungsbericht über die deutschen Zollbehörden ein; begleitet von ungebremster, besäuselter Heiterkeit und gefolgt von einem minutenlangen Lachanfall, der glücklicherweise den Gedankenstrang so konsequent unterbrach, dass mir der Rest der Geschichte erspart blieb. Zur Freude aller Beteiligten stellte sich das Hostel kurze Zeit später als durchaus brauchbare Unterkunft heraus. Auch, wenn ich nur zu gerne das Zimmer mit drei weiblichen Backpackern geteilt hätte, war ich froh, schließlich allein ein ‘4 person male dorm’ mein Zuhause nennen zu dürfen. Wofür doch weiblich anmutende Vornahmen so alles führen können.
Es war nun an der Zeit, die Neugier zu nutzen, um den Block zu erkunden und das Revier zu markieren. Genug Urin war dank der durch meine amerikanischen Freunden eingebläute Angst vor Dehydrierung vorhanden. Wie sich heraus stellte, war Urin jedoch nicht die bevorzugte Körperflüssigkeit, die man in diesem Teil der Stadt abzugeben pflegte. XXX Video, adult entertainment und ‘hey, dude, some fine naked ladies here’ ließen mich langsam in Stimmung kommen. Ich war hin und her gerissen. Zwar hatten sich die humoristisch anmutenden Pappschilder der Bettler von ‘WHY LIE, NEED BEER’ in Seattle zu ‘NEED $$$ FOR WEED’ gewandelt, meine Bedürfniskompass zeigte jedoch noch immer stark in Richtung Süden. Also begab ich mich in den nächsten Getränkeladen, der glücklicherweise in südländischer Manier um halb zehn Uhr abends geöffnet war, um dort festzustellen, dass man Bier hier als gemeingefährliche Droge ansah, die nach dem Leben unserer Kinder trachtet, und die man deshalb in so genannte ‘liquor stores’ verbannt hatte. Zwei Straßenzüge und fünf Anfragen, ob ich 25 Cent für einen guten Zweck locker machen könnte - denselben Zweck verfolgte ich auch, als gut würde ich ihn nicht bezeichnen und treffen würde diese Bestimmung mich allen – später, fand ich mich an einem Ort wieder, an dem sorgsam gezüchtete Oberlippenbärte und falsche Personalausweise eine besondere Macht verliehen. Da die Berechtigung Alkohol zu kaufen in Kanada mit 19 Jahren erteilt wird, schienen 23 Jahren Lebenserfahrung mehr Aussagekraft zu haben als ein Stück eingeschweißtes Papier der Bundesdruckerei. Bestückt mit zwei Dosen Lebensfreude und fünf kanadische Dollar ärmer, suchte ich mir ein ruhiges Eck, um den Geräuschen der nächtlichen Vancouvers besser lauschen zu können. Nach anfänglich durchaus interessanten Raufereien zwischen Einkaufwagen ‘motorisierten’ Pennern und entarteten Skatern, wurde es mir zu still. Ich beschloss, den Abend mit dem letzten der kostbaren Biere am Fenster meiner Unterkunft zu verbringen.

























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