Ich bearbeite und formatiere den Lebenslauf meines Vaters. Seit nunmehr zwei Stunden verändere ich Tabellen, Spalten und Zeilen. Ändere Schrift- und Spaltenfarben, probiere es mit unterschiedlichen Stilen, Ordnungsprinzipien und -strukturen. Doch immer wieder, wenn ich am Anfang des Dokuments beginne, den Lebenslauf auf Stringenz und Kontinuität zu prüfen, bleibe ich an einer Zeile hängen:
Familienstand: verheiratet, 1 Kind
Ist dies meine Zukunft? verheiratet, 1 Kind. Vielleicht schafft es, die richtige Frau, in mir den Wunsch nach zweien oder noch mehr Kindern zu wecken. Vielleicht klappt das. verheiratet, 1 Kind. Vielleicht steht nach einem halben Jahrhundert in der Zusammenfassung meines Lebens in der Spalte “Persönliche Informationen” – gleich nach Geburtsdatum und -ort – auch Familienstand: verheiratet, 1 Kind.
Ich kann die Einwände förmlich hören: Einem Lebenslauf ist eine gewisse Vereinfachung eigen. Er ist quasi das technokratische Ortsschild einer Biographie mit den Überschriften als Landmarken. Mir geht es gar nicht so sehr um die Landmarken meines Lebens, auch erwarte ich nicht, dass nach meinem Verscheiden irgendjemand diese achtet und keineswegs, dass diese gepflegt, katalogisiert und für die Ewigkeit bewahrt werden. Nach meinem Leben kann damit verfahren werden, wie es den Nachgeborenen beliebt. Ich bin dann längst weg. Sozusagen.
Ein Lebenslauf ist jedoch kein Nachruf. Also erst einmal schreibt man den eigenen Nachruf gefälligst nicht selbst, noch nimmt man zu Lebzeiten Einfluss auf Formulierung und Tenor. Das verbiete ich mir. Und Andere haben meinem Vorbild zu folgen. Ich spiele mich wieder auf wie ein Greis. Das merkt man meistens daran, dass die Gedanken ungefiltert auf’s virtuelle Papier fließen. Wenn Schreibern sowas passiert, ist das Geschrei immer groß. Sie hielten sich nicht an die Grundregeln eines ordentlichen Aufbaus und schissen auf die Leserschaft. Ja, die liebe Leserschaft, gibt der virtuelle Greis in mir lautdenkend zurück. Wer jetzt noch nicht verschreckt ist, wird dies spätestens sein, wenn ich zum Knackpunkt der Kolumne zurückkehre. Noch ist es aber nicht soweit.
Warum haben Greise – oder netter formuliert – ältere Menschen so einen schlechten Ruf? Immer wieder höre und lese ich, wir lebten in einer altersfeindlichen Gesellschaft. Zuweilen kommt die Variante mit den Kindern auf. Dann wird schnell nach Lösungsansätzen gesucht und schnell gefunden. Von den Eltern. Das sind auch diejenigen, die für die schwächsten Mitglieder unserer Gesellschaft insistieren – wie sie das nennen. Wir brauchen kinderfreundlichere Verkehrsmittel, schreibe ich – und der Greis in mir wundert sich, warum ich den Konjunktiv fallen lasse. Allgemein gibt es eine kinderfeindliche Haltung der Menschen. Aber wir brauchen auch mehr Krippenplätze und bessere Betreuungsmöglichkeiten und Tagesschulen. Der theoretischen Ansätze gibt es so viele; der bösen Kommentare leider auch. Damals – als ich Kind war – gab’s die Probleme auch schon; glaube ich. Nur waren unsere Eltern zu sehr damit beschäftigt, den Wirtschaftsaufschwung zu genießen und Häuser zu bauen. Das Land wurde erschlossen. Im Moment spüren wir auch wieder einen Aufschwung, nur scheint diesmal weniger Geld bei uns anzukommen. Das ist schlecht für die Stimmung. Und so werden wir wohl erstmal all die guten Ideen abarbeiten müssen, bevor wir merken, dass es Kinder zuhause am liebsten mögen, es aber gar nicht leiden können, wenn die Eltern sie am Ende – oder vielmehr am Anfang ihres selbständigen Lebens – nicht mehr von da weg lassen wollen. Weil sie plötzlich das Gefühl haben, bei der ganzen Selbstverwirklicherei die eigenen Kinder nicht kennen gelernt zu haben. Bei den Alten ist das einfacher. Da gibt es schon Krippenplätze. Die heißen Altenheime und gleichen manchmal Friedhöfen. Tah. Der versprochene böse Kommentar ist übergangslos geglückt.
Aber mal ehrlich. Fragt man die Alten nach ihren Problemen, wird das oft mit der Rente beantwortet, dabei wurde in Deutschland noch nie so viel vererbt wie heutzutage. Ich will mich ja gar nicht allzu sehr aufspielen. Wir sollten den Alten dankbar dafür sein, unser schönes Land und dessen Wirtschaft aufgebaut zu haben. Nichts ist schwieriger, als in entbehrungsreichen Zeiten Ruhe und Disziplin zu bewahren. Wenn man nur ein Ziel vor Augen hat. Mittlerweile geht es uns doch mehr um den Erhalt der Errungenschaften der vorigen Generationen. Wir sagen, wir wollen unseren Kindern etwas hinterlassen, ein historisches und reales Erbe, wobei wir tatsächlich Angst verspüren, die eigene Rente flöten gehen zu sehen. Wenn ich meinen Eltern eines vorhalten kann, dann nicht, dass sie sich in Zeiten wirtschaftlicher Prosperität die Taschen vollstopften (machten sie nämlich gar nicht) und auch nicht, dass sie den Generationenvertrag nicht rechtzeitig zu Grabe trugen. Ich werfe ihnen vor, mir ein Leben vorgelebt zu haben, welches sich so nicht nachexerzieren lässt. Kein Bau- und Babyboom. Kein staatlich garantiertes Rundum-sorglos-Paket. Ich werfe ihnen vor, mir vorgelebt zu haben, Glück bestünde aus Mauern und einem Dach oben drauf. Da packt man dann 1,5 Kinder rein und beerdigt im Garten eine Rotte Haustiere. Das ist nicht fair. Vorwürfe sind das allerdings selten. Und mit den eigenen Eltern kann man sich so herrlich streiten. Das geht sonst mit niemandem. Denn Eltern vergeben und vergessen. Das sollte man sich in der Tat von ihnen abschauen.
Wer hat gemerkt, dass ich den Bogen überspannt habe? Der Greis in mir sicher. Der Aufbau ist nun dahin und diese Kolumne findet ihre eigene Krippe. Das war jetzt wieder unpassend. Zum Glück gibt es keinen Redakteur, der mir die Hölle heiß macht.
Abschließend sei noch angemerkt, dass es sicherlich Schlimmeres gibt, als verheiratet zu sein mit Kind und Kegel. Oh Gott, ich klinge schon wie mein Vater. Wenn uns neben bürgerlicher Glückseligkeit und häuslicher Eintracht doch einmal langweilig werden sollte, suchen wir uns einfach ein Projekt, um die Welt im Kleinen zu verbessern. Denn verbessert werden kann immer. Ich schlüge ja Krippenplätze vor – und nennte sie kurz Kitas (Kindertagesstätte), das klingt nämlich multikultureller –, auf die Idee kam leider vor mir schon jemand.

























0 Responses to “Verheiratet, 1 Kind”