~Von der Lust, im Zug Schlafenden (unverhohlen) Nüsse in den Mund zu werfen~

Vor nahezu zwei Monaten entschloss ich mich, das Rauchen sein zu lassen. Heute. Jetzt. In diesem Augenblick erscheint dies, ein grässlicher Fehler gewesen zu sein.

Bahnreise. Nürnberg - Köln. Großraumabteil.

Neben mir sitzt ein hörgeschädigtes und sprachbehindertes Paar, das sich in seinem Kauderwelsch lautstark unterhält. Zu allem Überfluss hatten sich die beiden gepaart, vermehrt und eines ihrer beiden Kinder daddelt munter, von Raum und Zeit und sonstigen Umwelteinflüssen unbeeindruckt, auf seinem Gameboy in voller Lautstärke. Was aber in diesem Theater der akustischen Grausamkeiten am meisten schmerzt, ist die Gewissheit, dass die Batterien des kleinen The Legend of Zelda-Balges länger halten werden als der Akku meines iPods. Technology sucks.
In solchen Momenten wünscht man sich zurück in eine simplere Zeit. Eine Zeit von Konfirmationslagerfeuerfahrten mit analogen Musikabspielgeräten und Schokoladenriegeln, die es geschafft hatten, trotz ihrer englischen Namensabstammung sehr deutsch zu klingen. Wenn ich heute in den Snack-Shop einer Tankstelle (alternativ: Tiger-Shop) hineinspaziere, kaufe ich aus Protest und ein wenig aus geschmacklicher Überzeugung Nuts. Nüsse sind mir immer noch lieber als weder dem Englischen noch dem Deutschen zuordenbare Kunstworte auf meinen Schokoriegel. Oder wurde jemals ein Kunde Zeige- und Mittelfinger schnappend ein Twix kaufen gesehen?
Eigentlich wäre dies ein hervorragendes Experiment. Und man muss nicht bei Twix aufhören. Dämliche, produktbezogene Werbegesten gibt es zuhauf, mit denen man das jeweilige Produkt ordern kann. Benötigt werden lediglich eine handvoll urbane Affenmenschen, denen die Aufgabe persönlicher Würde nur den Stundensatz auf Verhandlungsbasis wert ist. Und solche sind zu finden in den Karteien und Datenbanken der Promotionagenturen.

Allerdings würde ich das Experiment nicht zwingend in meinem Stammkiosk durchführen. Seit dem jüngsten Kahlúa-Missgeschick halten die mich dort ohnehin für einen gestandenen Alkoholiker mit besonders perversen Vorlieben. Als ich letztens mal wieder einen Lebowski-Abend verleben wollte, sah ich mich dem Problem erschreckender Kahlúa-Armut konfrontiert. Des Dudes Getränk der Wahl ist der White Russian. Dieser wiederum besteht zu drei Teilen aus Wodka, zu je zwei Teilen aus Kahlúa und Milch.
Nun sagte der Unwissens sicherlich: „Bäh, wie widerlich! Da könnte ich doch direkt Eierlikör trinken!“
Weit gefehlt. Allerdings sei zu bedenken, dass ein solcher Abend gut vorbereitet sein will.
Damit auch die Ungeübten bei die Hand genommen werden, hier die Lebowski Grundausstattung:

  • Ausreichend White Russian-Zutaten für einen längeren Zeitraum und -rückfallbedingt- für den darauf folgenden Tag. Für die Zubereitung beachte man lediglich die einfach-alles-in-ein-Glass-schütten-Eiswürfel-rein-und-umrühren-Art des Dudes.
  • Die Kleiderfrage ist für den Durchschnittsmenschen mit einigem Kopfzerbrechen verbunden. Von vorne bis hinten, von oben bis unten sollte das aber nicht danach aussehen. Eher nach dem Gegenteil. Die Kombination sollte möglichst gleichgültig zusammengestellt und aus (der letzten Ecke) der für die Kleiderspende aussortierten Restbestände gewählt sein. Wenn nicht die Simplizität des Originals erreicht werden kann (Schlappen, Jogginghose, weißes T-Shirt, Morgenmantel -allesamt fragwürdiger Herkunft und Sauberkeit-), kann natürlich vermengt und vermischt werden.
    • Ein Teppich
    • Ein Anrufbeantworter
    • Viel Zeit (allerdings ohne ein Gefühl für selbige)
    • Marihuana zur zeitweisen Gleichgültigkeitssteigerung (optional, ganz nach Gusto)

    Nachdem ich lernte, dass Kahlúa nicht auf Bäumen wächst und nicht zum Standardsortiment eines gut sortierten Kiosks gehört, fuhr ich in finaler Verzweiflung um Viertel vor Acht in die Stadt zur Galeria Kaufhof, nicht vorbereitet auf die Vielfalt kulinarischer und spirituoser Köstlichkeiten. Mir wurde schlagartig bewusst, warum KarstadtQuelle Pleite gehen musste. Nicht nur schien hier niemand vor mir wegzulaufen, auch füllte der Kaufhof die Lücke zwischen Minoritätenfeinkost, Premiumtrinkertum und normalem Supermarkt. Es gab hier alles. Wirklich alles. Ich war glücklich. Ich hatte den Weg ins Ungewisse aufgenommen und war endlich am Ziel. Und das ist sehr viel für den Dude.

    Um nicht zum Kindsmörder zu werden, begebe ich mich jetzt ins Bordbistro, mir einen White Russian zusammenschütten zu lassen, um mich dann in entspannter, gleichgültiger Genervtheit den kleinen Dingen des Lebens auszusetzen.

    Natürlich gibt es im wahren Leben keinen White Russian im Bordrestaurant der Mitropa. Und natürlich habe ich meine Creedence Tapes vergessen.

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