Wo sich normalerweise haufenweise Menschen tummeln, versuchen, jedermann den hart erkämpften Sitzplatz streitig zu machen, herrscht heute beängstigende Leere. Auf einer der weniger populären Bahnstrecken Deutschlands unterwegs, mit einem der weniger komfortablen Züge, stellt sich die Frage nach den Tarifsystem der Bundesbahn. An der generellen Fehlbarkeit des neuen Systems soll hier nicht gezweifelt werden, andererseits trete ich auch nicht gern in offene Wunden, obwohl der Sadist in mir es gerade zutiefst bedauert, niemals eine Fleischerlehre angefangen zu haben.
Wie dem auch sei, zum ersten Mal seitdem die Bahn mir zuverlässiger Beförderer ist, bin ich höchst erfreut, nicht über ein umlagefinanziertes Tarifsystem an den reellen Kosten beteiligt zu sein. Wenn man sich durch diese Milchmädchenrechnung bei einigen ICE-Fahrten wegen notorischer Überfüllung ein Plus ausrechnen vermag, teile ich diesen Zug mit allerhöchstens fünf weiteren Insassen, das Abteil verteidigt meine morgendlicher Übelgeruch –der auch durch intensive Dusch- und Pflegerituale nicht ausgemerzt werden konnte- unangefochten, selbst der Schaffner hat die undeutlich gesprochenen Worte, die offensichtlich sein Kontrollbegehren ausdrücken sollten, nur widerwillig preisgegeben.
In der allumfassenden Langeweile, die durch den Mangel an Sauerstoff und die heiße, trockene und somit einschläfernde Heizungsluft, kam mir der Gedanke zu einem Pilotprojekt. Wie lange könnte ein durchschnittlich schlampiger Mensch unbeanstandet eine nicht unterschriebene Bahncard benutzen. In der ordnungswütigen –geradezu ordnungssüchtigen Bahnbürokratie ein Frevel. Diese nicht gerade vor Kreativität strotzende Idee wird wahrscheinlich eher durch meine wirklich sehr ausgeprägte Vergesslichkeit gefördert als durch empirische Untersuchungen irgendeiner verlässlichen Wertungsmöglichkeit zuführt.
Endlich kommt Pep ins Spiel. Das Abteil füllt sich um kurz vor neun und setzt dem Schwadronieren ein jähes Ende. Menschlicher Müll –wohl eine der ungewollt passendsten Alliterationen unserer schönen Sprache- erfüllt meine Gehirn mit neuer sarkastischer Energie. Die Erkenntnis, nun nicht mehr der übelst-riechende Mensch in diesem Zug zu sein, tat das ihrige. Und hätte ich mich nicht entschieden, mein Leid in verbalen Ausfluss zu verwandeln, eingestimmt in den Monolog des Selbstmitleid vergessend machenden Zwiegesprächs meines Sitznachbarn mit der alkoholgetrübten Seite seines Ichs.
Seit Jahrzehnten gut und niemals verändert, ‘das Frühstückchen - morgens halb zehn in Deutschland’. Es war schon ein Gottesgeschenk, das der deutschen Ess- und Frühstückskultur zuteil wurde. Jedoch hätte sich keiner der damals noch nicht durch Anglizismen gepeinigten Marketingspinner träumen lassen, welche Ausprägung diese Schöpfung Jahre später erfahren würde. Von Kioskbesitzern inspiriert, etablierte sich schnell eine neue Frühstückskultur. Kaffee wird da vom Bier den Rang abgelaufen, die belegte Wurststulle fällt nun gänzlich unter den Tisch und Zigaretten passen ohnehin besser zum Bier. Sofern der dösige Dauerrausch mal kurzzeitig die Wirkung aussetzen sollte, wird zum Nothammer der Pegelkontrolle gegriffen, dem Korn. Schnell einen Kurzen in die brägige Fassade gekippt, schon hält das permanente Glücksgefühl auch weiterhin die Treue. Morgens halb zehn in Deutschland.
Das wirklich Furchtbare an so einer Fahrt durch die Einöde ist die Suche nach Antworten. Was machen all die Menschen hier? Gibt es Coupons für besondere Standhaftigkeit, nicht wegzuziehen? Liegt hier vielleicht eine verborgene Stadt, zu der man nur Zutritt erhält, wenn man sich am dritten Blumenkübel am Gleis 2 in Meschede den linken Nippel drückt bis die Augen blutunterlaufen einen Eingang wittern? Was machen die Menschen hier -mal die hohe Arbeitslosigkeit der Region beiseite gelassen- in ihrer Freizeit? Vielleicht Bahnfahren? Fragen über Fragen und die Antwort kennt nur die 2000PS-Maschine des Zugwagens, die mich geduldig ins östliche Westfalen befördert.
Da sich auf dieser undankbaren Zugstrecke noch weniger abspielt als auf der zugeschissenen Bahnhoftoilette in Eschwege, nutze ich die Gunst der Stunde, um eine kürzliche Geschichte zu verarbeiten, die sich –wie sollte es anderes sein- in einem Transportmobil der DB zugetragen hat. Bahnfahrten in nicht überfüllten Zügen sind eine Wohltat. Man entkommt dem Einheitsbrei menschlicher Regungen leichter. Wo sonst die Ausdünstungen Vieler, unterstützt vom monotonen Gleichklang hirnloser Gesprächsfetzen Denken verhindern und den Körper zu einem ungesunden Dösen zwingen, während der Geist verhallend rebelliert, regiert in leeren Abteilen die unbefleckte heiße Dämmerluft. Man kann nun nicht mehr ungezwungen Einzelpersonen in der Masse sondieren. Die Opfer müssen reiflicher ausgewählt werden, bieten aber im Einzelfall mehr Angriffsfläche für Boshaftigkeit. So fühlte ich mich auf meiner lang ersehnten Fahrt von Köln nach Kassel, um die Feiertage auf christliche Weise mit der unchristlichen Familie zu verbringen, wie auf einem Ausflug mit der Kreisjugend nach Südfrankreich, bei der wahllos Freiwillige genötigt werden, auf engstem Raum zwei Wochen die Schönheit der Cevennen zu einer hassenswerten Erinnerung werden zu lassen, während die pädagogisch stets voll qualifizierten Betreuer mit zu viel Vergütung für zwei Wochen Urlaub und dem Gefühl, einen erziehungswissenschaftlich wertvollen Beitrag geleistet zu haben, nach Hause fahren dürfen.
Mir viel sofort die Abwesenheit nörgliger Rentner im Abteil auf. Dieser seltsame Schlag Restmensch, der seine Zeit damit verbringt, das Streckennetz aller Regionalbahnen im Geltungsbereich des Wochenendtickets auswendig zu lernen. Rentner treten auch immer im Rudel auf, wobei die Aggressivität, mit der sie vereinnahmend alle entgegengebrachten Widerstände verdrängen, vergleichbar ist mit der einer Marokkanergang in Marseille. Ich kann nicht ohne rot zu werden behaupten, ich hätte ’so ganz allgemein eigentlich nicht gegen Rentner, so im Alltagsleben’. Nicht nur im öffentlichen Nah- und Fernverkehr vergeht mir die Lust zu altern, wenn das die unumgängliche Konsequenz sein soll. Auch in Kaufhäusern, Arztpraxen und überall, wo man selten hingeht, treibt sich diese ziellose Ordnungs-Gestapo herum. Vereinsamt und gelangweilt verpesten sie die Luft in den großen Kaufhäusern oder warum sonst ist die Luft im Kaufhof immer so unerträglich sauerstoffentwöhnt?
to be continued… maybe

























0 Responses to “Die Einsamkeit der DB”