Hat schon mal jemand versucht, den Alptraum meiner Generation zu benennen?
Zur Erklärung: Meine Generation wurde vor der in die Welt entlassen, für die das Mobiltelephon als Ausrede herhalten muss, weder Lesen noch Schreiben geschweige denn die Lokalzeitung eines mittelprächtig primitiven Einödkaffs begreifen zu können.
Ich bin einer der Wenigen meines Jahrgangs, der sich nur aus einem einzigen Grunde daran erinnert, warum die Rechtschreibreform ein Desaster war –nämlich, weil durch deren Einführung der Vorsprung der Leistungsträger im Deutsch-LK frappant geschmälert wurde. Zumindest wurde die Regellandschaft für die letzten Jahre Schulmarter zu unübersichtlich, so dass der geisteswissenschaftliche Lehrkörper kurzerhand beschloss, fortan keine Verstöße mehr zu ahnden.
Besonders stolz im Zusammenhang mit Generationsfragen bin ich jedoch auf meine Abneigung gegen das Wort ‘Handy’. Von ganz Cleveren auch ‘Händy’, von noch Clevereren ‘Handie’ geschrieben (die Mischform verkneife ich mir besser). Wozu ein anglistisch anmutendes Unwort für eine Sache verwenden, die in ihren Ursprüngen überhaupt nicht ‘handy’ war? Hierbei sei besonders an dessen Vorgänger erinnert, das Funktelefon. Ein furchtbar klobiger Kasten, der gegenüber dem Autotelefon den entscheidenden Nachteil hatte, dass man das Mistding tatsächlich herumschleppen musste anstatt protzig im S-Klasse Cabriolet durch die Innenstadt zu schunkeln.
Mobiltelephon klingt auch viel besser. Jeder weiß sofort, wovon die Rede ist. Dagegen ließe sich sicherlich einwenden, mittlerweile sei jedermann des Begriffs ‘Handy’ gewahr geworden. Ja, zugegeben. Die Dinge sind gut wie sie sind. Außerdem wird dem mittelmäßigen Sprachpuristen und Durchschnittsurlauber einmal im Jahr die Genugtuung der Überlegenheit zuteil, wenn sich noch durchschnittlichere Fremdsprachenspastiker darin versuchen, (idealerweise) Muttersprachlern zu erklären, dass man mit diesem Triband-fähigen ‘Händie’ in der gesamten zivilisierten Welt den Menschen zu Hause, die eigentlich froh sind, endlich mal eine Pause von den ewig Nervenden zu haben, überteuert und unheimlich komfortabel auf die Nerven gehen kann.
Natürlich nenne auch ich ein mobiles Kommunikationsgerät der neueren Generation mein Eigen; lediglich ohne den überflüssigen Firlefanz wie Kamera, buch-lange SMS und mehr flexiblem Flash-Speicher als im ersten industriellen Großrechner zu finden war. Absolut lebensunfähig bin ich zudem auch ohne mein Mobiltelephon. An Tagen mit mehreren Dauergesprächen, die jeden Akku in die Knie zwingen würden, macht sich schon beim vorletzten Balken der Akkustandsanzeige am späten Nachmittag ein Gefühl der Angst breit, den Abend empfangslos, von der Welt abgeschnitten, verbringen zu müssen. Und dabei zähle ich mich mitnichten zu den Menschen, die überaus oft am Telephon belästigt werden.
Meine zweite große, mediale Sucht ist mein Computer. Nicht nur ein schnöder Personal Computer –Desktop Computer–, sondern ein Notebook nenne ich mein Eigentum. Kein Besonderes, nicht einmal ein besonders zuverlässiges. Ehrlich gesagt ist das Miststück schon wieder in Reparatur. Mittlerweile beginne ich, das ganze positiv zu sehen. Die zeitweise Trennung von der Maschine lässt mich die Wahrheit gewärtigen. Meine völlige Unterordnung unter die Werte meiner Zeit. Wenn die Verschmelzung von Mensch und Maschine schon so weit fortgeschritten ist wie bei mir, braucht es die Trennung von Zeit zu Zeit, um nicht den Bezug zur Realität zu verlieren. Prinzipiell stehe ich hinter dieser Radikalkur der Dedigitalisierung, der Reanalogisierung. Und hätte ich nicht alle meine CDs in handliche, kleine MP3-Dateien umgewandelt, die Originale unerreichbar weit entfernt eingelagert, meinen CD-Player folgerichtig gleich mit den CDs eingemottet, dann aber doch durch einen MP3-fähigen DVD-Player ersetzt, diesen jedoch weggegeben mit der äußerst dämlichen Begründung und Verzückung, wie vielseitig das Notebook doch sei –anschließbar an die HiFi-Anlage, den Fernseher und außerdem eine schicke Schreibmaschine; mein Leben wäre einfacher.
Jetzt sitze ich hier allein. Es ist still. Fast einsam. Ich bin schockiert. Schockiert ob der Tatsache, zum ersten Mal seit einem 18-seitigen Urlaubsbericht aus einem Ferienlager in Südfrankreich meine Gedanken in Handschrift zu Papier bringen zu müssen. Ernüchtert ob der Tatsache, bei Rückkehr des Gerätes aus den fleißigen Klauen der Service-/ Reparatur-Sklaven eines deutschen Elektronik-Discounters dies alles abtippen zu müssen.

Man kann Langeweile auch anders begegnen.
Als weltversessener Nörgler (frag’ mich nicht wie das geht) habe ich so meinen eigenen Umgang mit den Dingen. Nachdem ich mit viel zu wenig Schlaf um halb neun notgedrungen aufgestanden bin, versuche ich mich mit dem Gedanken anzufreunden, meinen Vormittag kräftezehrend und sinnlos zuzubringen. Zu erschöpft für eine richtige Tageszeitung –womöglich gespickt mit dem, was die Mehrzahl der Bundesbürger fälschlicherweise für Politik hält- widme ich meine Aufmerksamkeit einigen anspruchslosen Magazinen. Leider bekommt der Morgenkaffee einen hässlichen Beigeschmack nach zementartigem Bohrstaub, der den Weg aus kolossalen Löchern in die Wohnung meines Nachbarn sucht. Zum Glück ist das Apartmenthaus, in dem ich mein Loch (liebevoll Wohnklo genannt) bezogen habe, groß genug, um die Person, mit der man eine Wand teilt, nicht kennen zu müssen. Die größte Errungenschaft der industrialisierten Welt. Die Einsamkeit der Großstadt. Aber mal ganz ehrlich: Für baulich-gestalterische Verschönerungsmaßnahmen eine ungewöhnliche Zeit. Halb zehn Uhr morgens. Zu dieser Uhrzeit sind regelmäßig nur wenige Spezies Mensch zu Hause. Studenten und Langzeitarbeitslose. Kein ernstzunehmender Student hat zu diesem Zeitpunkte den Kater vom vorabendlichen Suff überwunden. Selbst die Besseren dieser untersten Kaste menschlicher Lebensformen befinden sich gerade erst in mentaler Vorbereitung der ersten Vorlesung nach dem Mensagang um 13 c.t.
Als ehrenhafter Arbeitsloser wacht man gerade erst auf, um festzustellen, im Dauerwerbeblock zwischen Sexwerbung / Teleshopping und Frühstücksfernsehen eingeschlafen zu sein und erneut um die lebensschwangere Erkenntnis bereichert, dass zu viel Fernsehen –besonders des Nachts- schlafstörend wirkt und man zeitweise mit hinterhältigsten Kopfschmerzen aufwacht, die sogar einer Doppeldröhnung ACC-Akut standhalten, denn gegen Schlafentzug helfen weder Medikamente noch Alkohol.
Dieser Nachbar ist anders. Ganz offensichtlich. Vielleicht ein einsamer Hauptschullehrer auf Urlaub mit unermüdlichem Tatendrang in eigenen Angelegenheiten. Nein, das deutsche Schulsystem sorgt gut für seine Diener. Kein Lehrer ohne ein gesteigertes Drogenproblem abseits von billigem Rotwein und einer Magnumpackung starker Zigaretten zöge in ein solches Apartment. Anstatt hier dumm herumzusitzen und mich zu ärgern könnte ich meine Wohnungstür öffnen, drei Schritte nach rechts gehen, an eine Tür klopfen, die meiner erstaunlich ähnelt, und demjenigen, der öffnen würde, ein Glas anständigen Cabernet Sauvignons mit zwei Aspirin darin aufgelöst anbieten.
Wahrscheinlich eine meiner schlechteren Ideen. Erstens ist die Chance ein spanisches Partygirl anzutreffen, das komatös den Morgen mit dem Abend verwechselt und ständig ausgehwütig der Preisinflation in der Gastronomie durch kompromissloses ‘Vorglühen’ begegnet, sehr gering. Zweitens wären ihre handwerklichen Fähigkeiten wohl nicht so weit ausgeprägt, um mehr als Tesa® Powerstrips® zu verkleben.
Außerdem: Wer in Gottes Gnade ist denn bitte zu solchen Höchstleistungen imstande im Angesicht der bitteren Erkenntnis, dass Kaffee nicht gegen schlechte Laune hilft?

Dieser Tag ist hoffnungslos verloren. Mein Notebook ist nach stundenlangem Warten von einem Paketdienst abgeholt worden und ich alleingelassen mit der Erkenntnis der eigenen Nutzlosigkeit. Zu müde für produktive Beschäftigung mit der Welt, zu wach, um den verpassten Schlaf nachzuholen, zu nüchtern, um am Leid der Welt über den Fernseher teilzuhaben, zu hungrig, um einkaufen zu gehen und im Moment zu talentamputiert, um aus den Resten meines Nahrungsmittelvorrats etwas Essbares herzuleiten. Dieser Tag wird wohl –wie so viele vor ihm- hungrig mit trashiger Literatur im Bett verbracht. Und wenn’s nicht ganz zur Literatur langt, nennen wir’s halt Belletristik. Schrott bleibt es dennoch.
Und damit hätte ich den Bogen zum Kern der heutigen Erkenntnis geschafft. Alptraum meiner Generation ist mit zu viel Energie zum Nichtstun, zu wenig zum Aufstehen, lesend im Bett liegen zu müssen (mit dieser Weisheit komme ich sicher nicht in irgendwelche Analen). Wir können das zwar: Lesen. Aber warum so viel Aufwand für so wenig Information. Vor allem, wenn man sich das Ganze auch vorlesen lassen kann. Von netten Männerstimmen vorgetragen, in beruhigender Tonlage. Dumm ist nur, wenn man so fortschrittlich ist, dass man keine CDs abspielen kann.

Ich befinde mich in der medialen Steinzeit. Meine Hand schmerzt vom Schreiben, vor lauter Stille kann ich die Stimmen in meinem Kopf wieder hören und später wird mich die Embryonalstellung beim Lesen endgültig ans Bett fesseln.

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