Vor kurzem war ich über einen Zeitraum von sechs Wochen in der alten Heimat gefangen. Die nordhessische Berglandschaft ist zur herbstlichen Zeit so was wie Klein-Neuengland. Nur ohne schöne feudale Häuser und ohne den Indian Summer. Ansonsten aber eine wunderschöne Gegend.
Dennoch vermisste ich die Stadt. Ich vermisste meinen Kiosk, der immer geöffnet ist. Ich vermisste die kleinen türkischen (und asiatischen) Einkaufsläden, die den Anschein erwecken, als wären grundsätzlich alle Preise Verhandlungssache. Sogar die heuchlerischen Pädagogenmenschen, die den Inhaber mit dahin gesäuseltem Wort Salam begrüßen. Naja.

Eine gewisse Zeit auf die gewohnten Annehmlichkeiten verzichten zu müssen, kann aber auch ein Segen sein. Richtigerweise müsste ich sagen: Die gewohnten Annehmlichkeiten gegen die vergessenen einzutauschen, ist ein Segen. Da ich im Elternhaus unterkam, fielen die alltäglichen Belastungen wie Wäsche waschen, Wäsche nicht bügeln, Essen kaufen, für Pizza bezahlen und so weiter natürlich weg. Als meine Eltern schließlich ihren wohlverdienten Urlaub antraten, hatte ich eine Woche lang sturmfreie Bude. Dennoch lud ich niemanden ein, veranstaltete keine medienwirksamen Parties und verkam auch nicht im Dreck. Eine eigene Haushaltsführung (so nennt das der Beamtenmund) war ich ja gewöhnt. Ich wurde still, es wurde still. Nur ein Geräusch lockte mich aus meinem Loch und die Instruktionen, die mein Vater mir gab, bevor er abreiste, bauten sich wie eine Blaupause vor meinem inneren Auge auf. Rasenmähen. Irgendein Nachbar hatte den Mäher angeschmissen. Ich folgte dem frohlockenden Knattern und Surren. Wenn in ländlichen Gegenden jemand seinen Rasenmäher in Betrieb nimmt, löst das einen Sog der männlichen Urinstinkte aus. Diese Instinkte sind regelmäßig aus praktischen Gründen lokal begrenzbar. Eben auf das benannte Gebiet. In der Stadt käme niemand auf die Idee, bloß, weil sein Nachbar sich schöne große Löcher in die Wand bohrt, seine Küchenzeile zu zerlegen. Aber gebt den Städtern ein Stück Wiese und einen Mäher und das Spiel ginge auch hier los.
Ich stapfte also in den Garten und suchte den Rasenmäher. Geschickt untergebracht in einem mir zuvor immer verborgen gebliebenen, überdachten Zwischenraum zwischen Gartenhäuschen und Terrassenmauer, wartete er ruhig auf seine große Stunde. Und eine Stunde sollte es werden. Mein Plan mal kurz über den Rasen drüber, dann in die Laufklamotten springen und anschließend vielleicht noch ein Ründchen Basketball spielen war zum Scheitern verurteilt. Die Instruktionen beachtend brachte ich das Stück Heimwerkerstolz zum Laufen. Anfangs murrte er noch etwas, aber nach zwei, drei Metern Grasfressens hatte er Blut geleckt und versagte mir nicht mehr den Dienst. Das letzte Mal, dass ich zum Rasenmähen verpflichtet worden war, lag nahezu achte Jahre zurück. Nicht nur hatte ich vergessen, dass es mir niemals Freude brachte, auch lag es so weit zurück, dass ich ungeachtet der Folgen meine Anzugsocken trug.

An dieser Stelle scheint es mir angebracht, all das nutzlose Geschwafel sein zu lassen und auf den Kern dieser Kolumne vorzustoßen. Rasenmähen ist eine zutiefst erniedrigende, zeitraubende, überflüssige und unnatürliche Tätigkeit und sie sollte verboten sein. Zum einen ist Rasenmähen so nutzlos wie Frisörbesuche. Trotz der permanenten Pflege und des ganzen Schneidens wächst es und wächst es und wächst es. Mit dem Ergebnis ist man dann sowieso nicht zufrieden. Man schwört sich, es nie wieder zu tun und ab sofort zum Langhaarträger (resp.: Langgrasbesitzer) zu werden. Das Einzige, was bei dieser unmenschlichen Prozedur freigelegt wird, sind hässliche Flecken auf der Kopfhaut und Pickel (resp.: Erdlöcher, Unkraut und noch mehr Gras).
Nun musste aber die Frage nach dem Rasenmähsystem geklärt werden. Sollte ich die Grünfläche in geometrischen Rastern abarbeiten oder doch besser erst die Ränder, dann die Hauptfläche mähen? Oder besser mit steigendem Grad an Frustration die Worte Fuck all gardeners! in den Rasen schreiben? Ich entschied mich für eine Mischung aus Variante 1 und Variante 2. So kämpfte ich meinen Weg an den Rändern entlang und zog weiter Kreise und Ellipsen und ersparte mir grobes Hin- und Herschieben sowie Vor- und Zurückziehen.
Rasenmähen hält übrigens allen Vergleichen stand. Es ist der Gewinner aller Klassen. Es ist der Darmkrebs der Heimwerkertätigkeiten und seine Metastasen hat es auch schon ausgeworfen. Unkraut jäten, Vertikutieren, neue Saat streuen. Die Liste ist endlos. Selbst wenn man beschließt, die suburbane Freizeithölle nicht mitzumachen, also einen Wildgarten anzulegen, ist noch lange nicht Schluss. Selbst für die gleichgültige Verwilderung des eigenen Grund und Bodens bekommt man in einschlägiger Fachliteratur unzählige Tipps. Allen voran kann ich die Naturgarten-Pflichtlektüre vom Hohepriester deutscher Verwilderungstheoretiker Reinhard Witt empfehlen. Dieser Verfechter des gezielten Verwildernlassens zeichnet sich auch verantwortlich für den Naturgarten e.V., eine passionierte Organisation, die laut ihrer Website auf den schweizer Pionier des Laissez-faire-Gärtnerns Urs Schwarz zurückgeht. Damit aber genug der Personalien.
Wie ich lernen musste, heißen Wildgärten seit Mitte der Neunziger nicht mehr Wildgärten, sondern Naturgärten. Das hat auch Herr Witt eingesehen und sein Buch Naturoase Wildgarten mit einem identischen Cover als Der Naturgarten herausgebracht. Oder ich habe einfach nur schlampig recherchiert. Herr Witt sehe es mir nach.

Ich war nun keine zehn Minuten damit beschäftigt, das laute, stinkende Ungetüm durch den Garten zu schieben, da passierte es. Mein Weg war gesäumt von kleinen, grünen Häufchen. Sie verfolgten mich. Ich war ratlos. Meine Geistesabwesenheit überwunden schleppte ich den vollen Auffangbehälter zur Biotonne (und dabei wunderte ich mich immer, warum ein Zweipersonenhaushalt eine braune Biotonne unterhält, die in Stadthäusern von sechs bis zehn Mietparteien geteilt wird). Vor zehn Jahren warf ich den grünen Abfall einfach auf den Komposthaufen. Heutzutage braucht man für Komposte eine Sondererlaubnis. Es sollte nicht die einzige Entleerung des Rasenmähergrasauffangbehälters bleiben (ich frage mich, ob es für den Behälter einen Terminus technicus gibt, mit dem Mann im Fachhandel Ersatz kaufen kann, ohne sein Gesicht zu verlieren). Viele weitere folgten. Es waren acht an der Zahl. Allerdings war ich auf das Ausmaß der Katastrophe zu Anfang nicht vorbereitet, weshalb das Zählen eventuell einen zu spät einsetzte. Dennoch sind acht Entleervorgänge eindeutig zu viel. Dies unterstreicht nicht nur die Sinnlosigkeit des Vorgangs, es steigert dessen entwürdigende Auswüchse ins Unermessliche. Es ist sogar so schlimm, dass ich mich beim Leser dafür entschuldigen muss, mit Superlativen um mich zu schmeißen in meiner Verzweiflung. Um diesen Vorgang besser zu begreifen und ihn ins rechte Licht zu rücken, stelle man sich nur einmal vor, man müsse beim Staubsaugen achtmal den Beutel entleeren. And the mind wanders…

Meine Kurven –Verzeihung, meine Ellipsen- wurden nun kleiner. Das baldige Ende in Sicht, ließ die Gründlichkeit nach. Ich rammte die von meinem Großonkel in gelangweilter Hobbyhandwerkermanier zusammengeschweißte Sonnenuhr und blickte ihr unbeeindruckt hinterher, als sie erst wackelte und schließlich angeschossen auf der Seite liegen blieb. Ich stoppte den Rasenmäher ohne den Motor sterben zu lassen und stieß das Metallmonster mit dem Fuß an, dass es wieder auf den vier bis sechs Beinen stand. Wahrscheinlich würde es auch meinen Vater unbeeindruckt lassen, wenn die Uhr von nun an um zwei Stunden falsch ging. Nachdem ich den letzten Weg zum Entleeren des Behälters angetreten war, zog ich die letzten Bahnen und schloss das Trauerspiel ab, indem ich ein künstlerisch wertloses Quadrat ungemähter Rasenfläche im Garten meiner Eltern zurückließ. Ich war glücklich.

In Nordhessen ist nicht alles schlecht. Arbeitslosigkeit und Ausgehmöglichkeiten, Öffentlicher Nahverkehr und Dorfdisko hin oder her. Anhand eines einfachen Beispiels stellt sich die Würdigung der kleinen Dinge dar. Nämlich in der Art, wie die Postboten (bzw. Zeitungsausträger) Zeitungen behandeln, manifestiert sich eine Lebensqualität.
Die Geschichte spielte sich so ab: Kurzsichtig wie immer fiel mir am ersten Donnerstag im Heimaturlaub auf, dass meine ZEIT nicht ankam. Ich ging schnell ins Internet und richtete eine Urlaubsanschrift ein. Prompt eine Woche später kam meine geliebte Wochenzeitung.
In meiner ersten Kölner Wohnung fand ich die ZEIT ständig zerfleddert, mit Gewalt in den schmalen Briefkasten genötigt vor. Zugegeben, der Stadtteil war nicht der beste, die Nachbarn mir allesamt unbekannt. In der aktuellen Wohnung wird die Zeitung entweder so vorsichtig in den Briefkastenschlitz gesteckt, dass sie wieder heraus fällt oder sogleich auf den Briefkasten gelegt. Letztlich muss ich sie aber von Boden auflesen. Hier aber in der nordhessischen Prärie kommt die ZEIT im Ganzen und trocken an. Die Einzelrubriken sind ferner so lose und unzusammenhängend, dass es fast den Anschein hat, als habe schon mal jemand ein Blick hinein gewagt. Ich erkläre mir das damit, dass in dieser Region hauptsächlich die Lokalzeitung gelesen wird. Als eher seltene Zeitung ist das doch einen neugierigen Blick wert.

Nachdem ich meine Aufgabe gemeistert und meine Hände vom grünen Anstrich befreit hatte, fiel mir auf, dass ich das Ganze ohne Mückenstich durchgestanden hatte. Als ich noch vor zwei Wochen mein Jugendzimmer bezog, wimmelte es überall von kleinen, fiesen Miststücken. In meiner Wohnung hatte ich mir über den Sommer lediglich zwei Stiche eingefangen. Wahrscheinlich beim Grillen am Rhein. Hier erschlug ich noch am ersten Abend eine Mücke, als sie gerade an meinem Oberschenkel nuckelte und fing mir einen weiteren unangenehm picklig aussehenden Stich am Trizeps ein. Und das obwohl meine Eltern in nützlich paranoidem Wahn das komplette Haus mit Fliegengittern zutapeziert hatten. Da waren Gitter an allen öffnungswürdigen Fenstern. Es gab sogar Gittertüren, die vor den eigentlichen Türen befestigt waren. Einige öffneten wie richtige Türen, andere ließen wie Schiebelemente bewegen. Und dennoch kriegten sie mich.
Bis jetzt. Selbst nach einer Stunde schweißtreibender Gartenarbeit und unzähligen aufgescheuchten Fliegen, Hummeln, Bienen, Wespen, Langbeinen, Mücken und sonstigen Insekten war ich stichfrei. Wahrscheinlich roch ich nordhessisch mit all dem Gras an Beinen, Händen und Schuhen. Ich war nun einer von ihnen.

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