Niemand sollte beim Kacken ans Telephon gehen.

Das stelle ich erstmal einfach so in den Raum, bevor’s gleich richtig losgeht.
Mein dritter Mitbewohner -das ist das moderne Äquivalent zur dritten Exfrau- verbot mir seinerzeit, Anrufe entgegenzunehmen auf dem Lokus. So sehr mir bisweilen die Vorstellung zuwider ist, mein Gesprächpartner beschäftigt sich mit Dingen, die besser privat bleiben. So klar kann ich jedoch die Ruhe, Gelassenheit, ja zeitweise Gleichgültigkeit, nachempfinden, welche diesem Orte anhängt. Wahrscheinlich ergäbe eine Suche nach Umgebungen und Situationen, in denen außergewöhnliche, lebensverändernde Entscheidungen mühe- und reuelos gefällt werden können, eine konkurrenzlos kurze Liste. Ad hoc fällt mir hierzu nur noch der Morgen nach einer drogenverseuchten Nacht ein, an dem man sich kurzweilig der Konfrontation stellt, um anschließend unvermittelt zurück ins Bett zu versinken.

Einen Ruhepol zu schaffen, der zwar von Gleichgültigkeit beherrscht wird, ohne allerdings in Antriebslosigkeit und Fatalismus abzudriften, stellt mich vor eine schwer lösbare Aufgabe. Augenblicklich sitze ich in einem McCafé am Düsseldorfer Flughafen und lasse mich auf Großleinwand über Ronald McDonald’s Errungenschaften aufklären. Mir war bisher nicht bewusst gewesen, dass McDonald’s einen “Corporate Fernsehsender” unterhält. Das ruft unweigerlich die Erinnerung an das Nordkoreanische Propaganda-Radio hervor. Offenbar hatten die kommunistischen Strategen sich eine besonders perfide Methode permanenter, unumgänglicher propagandistischer Beschallung ausgedacht. Sie ließen in jede Wohnung in Pjöngjang Radiogeräte einbauen, die man zwar leiser, jedoch nicht ausschalten konnte. Mein Gott, die armen “Corporate Whores” des McDonald’s-Konzerns.

Nach einem dem Gesetz Murphy’s artverwandten Gedanken ziehen Menschen immer genau jene Belästigung an, die ihnen am scheußlichsten vorkommt und ihre innere Festigkeit am leichtesten verflüssigt. In meinem Falle finden mich schreiende, kleine Kinder und spuckende Babys überall dort, wo ich auf Stille angewiesen bin und insofern verwundbarer. Nicht einmal Anthony And The Johnson’s “My Lady Story”, das in ungesunder Lautstärke den Weg in mein Trommelfell findet, kann mich beschwichtigen. Hier hilft keine Aversionstherapie. Dieses hochsonore Kreischen und Quieken geht durch Mark und Knochen. Eigentlich wollte ich diese Kolumne nach einem kurzen Ausflug in das Unsagbare geschickt überleiten in eine dezidierte Gegenüberstellung der Störfaktoren von Bahnhöfen und Flughäfen. Dies schien mir nach meiner Ankunft natürlich. Nachdem eine brennende Lock der Deutschen Bahn meinen vormittäglichen Flug auf neun Uhr abends verlegt hatte, war nicht nur die Schuldige leicht identifiziert, auch kamen schmerzliche Erfahrungen ellipsenförmig und schwungvoll zu mir zurück. Die Deutsche Bahn durfte nicht straffrei davonkommen. Diese von lüsterner Punitivität getriebene Einschätzung änderte sich aber bald. Zehn Stunden in einem Flughafenterminal zu verbringen, stellt ungewohnte Anforderungen an Mann und Material. Auf einen solchen Ausharrmarathon war ich weder mental, physisch noch hinsichtlich meiner Ausrüstung und des Proviants vorbereitet. Und erneut schunkelt sich Murphy lachend in seinem Grabe in den Schlaf.

In Augenblicken persönlicher Not wirkt klassisches “Verkaufen” besonders demoralisierend. Und ich lernte, dass “Bonaqa sports citrus” scheußlich schmeckte, frischer Kaffee des McCafés jedoch gut trinkbar war. Vielleicht arbeiten die Belüftungstechniker des Flughafens aber auch mit widerstands- und rebellionsgedankenhemmenden Substanzen in der Klimaanlage. Die Region meiner Magengrube, in der noch eben die Frau vom Ticketschalter der Air Lingus durch ihre Äußerung einen Vulkanausbruch auslöste, das Flughafenpersonal am Sicherheitscheck habe nicht zur Aufgabe, am Gate anzurufen, um sie auf einen fehlenden Passagier aufmerksam zu machen, der mangels geöffneten Check-In-Schalter keine Bordkarte erhielt und nun besser seinen Flug verpasste, war trotz Unmengen Kaffees wieder zur Ruhe gekommen.
Ich vergaß also in der Folgezeit den Sponsor dieses freitäglichen Debakels und konzentrierte mich auf die dem Flughafen inhärenten Ärgernisse. Und davon gab es hier reichlich.

Beginnen möchte ich mit der Abwesenheit gut ausgestatteter Buchläden; wobei sich still eine Parallele zum gängigen Bahnhofsgeschehen auftut. Meine bereits erwähnte, unangemessene Ausrüstung war ursächlich, dass mir nach einer Stunde der Lesestoff ausging. Da mich die typischen Bestsellerlisten eher langweilen (und ich durchaus auf die Veröffentlichung im Taschenbuchformat warten kann) und ich -aufgrund der vielen guten, ungelesenen Bücher zu Hause- nichts in der Not kaufen wollte, hoffte ich einerseits auf das Glück des verzweifelt Suchenden, und andererseits klammerte ich mich -zugegeben, etwas realitätsfern- an die Hoffnung, endlich nach Abebben des “Hunter S. Thompson”-Hypes mich seiner Schreibe widmen zu können.
Welche Enttäuschung. Drei Zeitschriftenhändler im frei zugänglichen Bereich des Flughafens und kein Hunter. Das übrige Angebot im bestsortierten der drei Läden machte wenig Schaden wieder gut. So kaufte Haruki Murakami’s “Kafka am Strand”, was a priori nur als Notlösung bezeichnet werden kann.

Völlig übergangslos mache ich mich jetzt über die Beförderungsbänder her. Damit sind nicht etwa Gepäckbänder gemeint, obwohl es hierzu tausende Filmanekdoten geben muss. Gerstenkorn im Auge meiner Flughafenärgernissynopse sind jene Bänder, die aussehen wie flache Rolltreppen und die -wie auch ihre höhenmeterüberwindenden Geschwister- zum Trippeln, Drängeln und “Links geht, rechts steht”-Blöken verführen.
Für welchen Typ Mensch ist die Geschwindigkeit dieser Dinger eigentlich bemessen? Noch nie zuvor hörte ich von einer rentnerfressenden Rolltreppe. Beförderungsbänder an Flughäfen bewegen sich nicht auf und ab, was sich zumindest positiv auf die Fallhöhe auswirkt. Und mal ehrlich: Der erste Tritt auf ein solches Band entspricht nicht gerade dem Sprung in die schäumende Gischt einer North Shore-Welle.

In chronologisch unsortierter Manier stehe ich erneut vor dem Air Lingus-Ticketschalter und werde für die technische Rückständigkeit der Deutschen Bahn bestraft (ich habe Dich nicht vergessen, Baby!). Wie befürchtet sind Umbuchungen bei Billig-Airlines eine willkommene Einnahmequelle neben ansonst recht knapp bemessenen Margen. Wie sonst vorrangig von Mobilfunkanbietern gewohnt, ist jede Leistung, die statt vollautomatisierter Bearbeitung eine 3-Klick-Eingabe durch einen Menschen erfordert, mit beträchtlichen Bearbeitungs- bzw. Verwaltungsgebühren verbunden.
“Dies macht dann eine Umbuchungsgebühr von 30 Euro.” Oh, das ist nicht so schlecht, dachte ich voreilig.
“NATÜRLICH kommt da noch eine Bearbeitungsgebühr von 75 Euro zu.” Ich möchte mich an die Formulierung “Strafgebühr” erinnern, aber die Koffeinüberdosis trübt meinen Verstand.

<chicks>
Neben rein nervenden Faktoren halten Flughäfen allerhand Beobachtungen parat. Eine dieser ist der Überschuss an gutaussehenden Flughafen-, Airline- und Servicepersonal. Aber auch zwischen den Passagieren findet sich das eine oder andere optische Bonbon. Einer Theorie zufolge lässt sich eine kleine Sneak Preview erhaschen auf den Zustand einer jungen, attraktiven Frau, indem man ihre Mutter betrachtet. An Orten regen Publikumsverkehrs offenbaren sich sehr unterschiedliche Ausprägungen dieses Phänomens. Es gibt hässliche Frauen mit schönen Müttern. Nun ja, die These wackelt und die Töchter fühlen sich beschissen. Die schönen Frauen mit den hässlichen Müttern bringen zwar wieder etwas Ruhe in das Gedankenkonstrukt, schlagen mir jedoch auf den Magen. Diese Sorte Frau strahlt im Augenblicke erstmaligen Beobachtens enormen Reiz aus, ist allerdings wie frische Vollmilch mit einem Ablaufdatum versehen; oder wie man im Englischen trefflicherweise sagt mit einem “best before”-Datum.
</chicks>

Das Geräusch, welches mein Toilettennachbar absonderte, als er einen Anruf entgegennahm, klang nach “Yep”, nur schneller gesprochen. Quasi die arabische Antwort auf “Pronto”, weniger aufdringlich und weniger als Milieuzugehörigkeitbekenntnis gedacht.
Der Anrufer war eindeutig weiblich. Schlagartig war ich beeindruckt von der Gelassenheit des Verweilenden; die a posteriori natürlich Sinn macht. Dennoch bin ich entschieden dagegen, jemals jemandem zu gestatten, ein Gespräch an diesem Orte entgegenzunehmen. Der Sprache des Angerufenen nicht mächtig, war ich darauf beschränkt, mich auf Ausdruck und Intonation zu konzentrieren. So entging mir kein Zittern der Stimme, kein erleichtertes Ausatmen, kein druckbedingtes Stocken-und-Wiederaufnehmen, selbst der Wasseraufprall der Erleichterung war deutlich hörbar.

Niemand sollte beim Kacken ans Telephon gehen.

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1 Response to “‹‹Oh my God, I got a Bearclaw in my Ass››”


  1. 1

    Who makes the best motorcycles?

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